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0. Einleitung
0.1. Zielsetzung der Arbeit

"Seit mehr als einem Jahrhundert wird im Englischen der Begriff 'Combining form' benutzt, um linguistische Formen zu beschreiben, die mit anderen Wörtern oder Combining forms gebraucht werden, um neue Wörter zu bilden." (Cherry 1986: 178)

Der Begriff "Combining form", den das OED erstmalig für 1848 belegt, hat sich inzwischen unter den meisten einsprachigen Wörterbüchern des heutigen Englisch durchgesetzt. Hierunter subsumieren diese allerdings, oft einander und häufig genug auch sich selbst widersprechend, die unterschiedlichsten Wortformen. Das Ziel dieser Arbeit ist es, diese Widersprüche in der Benutzung des Begriffs "Combining form" aufzuzeigen und dabei eine klarere Begriffsdefinition zu finden, die diese Widersprüche in Zukunft zu vermeiden hilft.

0.2. Untersuchte Wörterbücher

Näher untersucht werden hierfür fünf führende einsprachige Wörterbücher des heutigen Englisch, die den Begriff der "Combining form" benutzen:

Das Chambers English Dictionary, Seventh Edition 1988,
das Collins Dictionary of the English Language, Second Edition 1986,
das Longman Dictionary of the English Language, 1984,
das Oxford English Dictionary, Second Edition 1989, und
das Webster's New World Dictionary, Third College Edition 1988.

Beachtet wurden auch folgende Wörterbücher, die den Begriff nicht gebrauchen:

The American Heritage Dictionary, Second College Edition 1985, sowie
Prefixes and Other Word-Initial Elements of English, 1984, und
Suffixes and Other Word-Final Elements of English, 1982.

0.2.1. Wörterbücher, die den Begriff "Combining form" benutzen
0.2.1.1. Wortbildungselemente

Unter denjenigen Wörterbüchern, die den Begriff "Combining form" benutzen, besteht Einigkeit letztlich nur darin, daß es sich dabei um Wortbildungselemente handelt, linguistische Einheiten also, die mit anderen linguistischen Einheiten zu Wörtern zusammengesetzt werden können und dabei einen neuen Begriff bilden.

0.2.1.2. Nur gebundene oder auch freie Formen?

Uneinigkeit herrscht aber bereits darüber, ob diese in Zusammensetzungen vorkommenden Wortbildungselemente auch frei auftreten können: Während Collins und Webster's auch frei vorkommende Elemente wie -free (caffeinfree, taxfree) und -proof (fireproof, waterproof) als Combining forms verzeichnen, subsumieren die übrigen (fast) nur gebundene Wortbildungselemente unter diesem Begriff.

0.2.1.3. Nur initiale oder auch terminale Formen?

Uneinigkeit herrscht auch darüber, ob sowohl am Anfang als auch am Ende eines zusammengesetzten Wortes stehende linguistische Einheiten Combining forms sind: Das OED spricht, von wenigen Ausnahmen (-athon, -drome, -ify) abgesehen, nur bei initialen Elementen von Combining forms. Während die übrigen untersuchten Wörterbücher nicht zögern, auch terminale1 Elemente als Combining forms zu bezeichnen, spricht das OED hier ohne erkennbaren Grund einmal von "ending", einmal von "second element", einmal von "terminal element" und ein anderes Mal von "suffix". Chambers erkennt demgegenüber nur terminale Elemente als Combining form.

0.2.1.4. Nur abgeleitete oder auch primäre Formen?

Uneins mit allen übrigen näher untersuchten Wörterbüchern ist sich Chambers hier auch insofern, als es ein terminales Element auch nur dann als Combining form verzeichnet, wenn es sich dabei um eine abgeleitete Form handelt2. Chambers belegt cephalo-, -lysis, -mancy, -mania, -meter, -nomy und -oid alle nur mit dem indifferenten Etikett "in composition", während es -cephalic, -lyse, -mantic, -maniac, -metry, -nomics und -oidal mit Begriffen wie "verb combining form", "adjective combining form", bzw. "noun combining form" versieht.

0.2.1.5. Nur produktive oder auch nicht-produktive Formen?

Uneinigkeit herrscht auch darüber, ob Combining forms produktiv sind. Collins verzeichnet -teen und (wie auch Webster's) -mas. (vgl. 2.1.5.2.)

0.2.1.6. Nur neoklassische oder auch nicht-neoklassische Formen?

Uneinigkeit herrscht schließlich zwischen dem OED und den übrigen untersuchten Wörterbüchern über die Frage, ob Combining forms immer nach einem neoklassischen, d.h. griechischen oder lateinischen Vorbild gebildet sein müssen.

0.2.1.7. Schwankungen in den Bezeichnungen

Von den fünf näher untersuchten Wörterbüchern benutzen Collins, Longman und Webster's den Begriff "Combining form" am häufigsten. Allerdings stimmen sie nicht immer in der Klassifizierung überein: Was eines dieser Wörterbücher als Combining form erkennt, mag ein anderes vielleicht lediglich mit den Zusätzen "in combination" oder "in compounds" versehen und umgekehrt. Häufig wird auch inkonsistenterweise als Präfix oder Suffix klassifiziert.

Wie oben gesehen, gebrauchen Chambers und das OED den Begriff "Combining form" nur mit starken Einschränkungen. Stattdessen verwenden sie dann oft die unterschiedlichsten Bezeichnungen, wie sie im Abkürzungsverzeichnis des Anhangs (unter 7.0.1.) aufgeführt sind.

0.2.2. Wörterbücher, die den Begriff "Combining form" nicht benutzen

0.2.2.1. Das American Heritage Dictionary

Das American Heritage Dictionary (AHD) führt die Combining form zwar als eigenen Lexikoneintrag und gibt hier nur neoklassische Beispiele:

"combining form n. Gram. A word element that combines with other word forms to create compounds, as -logy in gynecology, macro- in macrochemistry, or Sino- in Sino-Soviet."

Schaut man dann aber unter den als Beispielen angegebenen Combining forms nach, so führtdas (AHD) -logy als Suffix und macro- und Sino- als Präfix. Dies ist auch bei den anderen gebundenen initialen und terminalen neoklassischen Elementen der Fall, die die übrigen untersuchten Wörterbücher üblicherweise als Combining form klassifizieren: Das (AHD) führt sie grundsätzlich als Präfixe bzw. Suffixe.

0.2.2.2. Laurence Urdang

Auch Urdang differenziert mit seinen Verzeichnissen von Prefixes and Other Word-Initial Elements of English, 1984, sowie Suffixes and Other Word-Final Elements of English, 1982, nicht, wie diese Titel nahelegen könnten, zwischen Präfixen und anderen wortinitalen Elementen, bzw. Suffixen und anderen wortterminalen Elementen, sondern spricht durchweg, d.h. auch bei Affixen von "word initial combining element" bzw. von "word final element".

0.3. Warum Combining forms?

Man kann sich an dieser Stelle fragen, warum überhaupt eine Differenzierung zwischen Affixen und Combining forms von einigen Wörterbüchern des Englischen vorgenommen wird.

0.3.1. Das Distributionsargument

Von der gesamten linguistischen Fachliteratur, die das Phänomen der Combining form untersucht, wird hier immer wieder eine angeblich besondere Distribution der Combining forms ins Feld geführt.

So argumentiert z.B. Bauer in diesem Punkt wie folgt: Bei Wörtern wie biocrat, electrophile, galvanoscope, homophile und protogen kann es sich nicht um Verbindungen aus jeweils zwei Affixen handeln, denn " ... affixes are frequently defined by their ability to co-occur with bases, which contain roots. The notion of a prefix and a suffix occuring together with no root thus leads to a contradiction." (Bauer 1983: 213f.)

Auf denselben Widerspruch macht auch Cherry aufmerksam: Zu Recht wirft er dem (AHD) vor, daß es die von anderen Wörterbüchern üblicherweise als Combining forms klassifizierten neoklassischen Wortbildungselemente schlecht als Affixe bezeichnen kann, wenn es den Begriff "Affix" zugleich selbst wie folgt definiert:

Wenn das (AHD) Formen wie ana- und trop- als Präfixe, und Formen wie -ism und -plastic als Suffixe führt, wären Verbindungen wie anaplastic und tropism nach dessen eigener Definition gar nicht möglich. (Cherry 1986: 187f.)

0.3.2. Entkräftung des Distributionsarguments

Bauer und Cherry übersehen, daß man einen ähnlichen Vorwurf auch den Wörterbüchern machen kann, die den Begriff der Combining form benutzen und das Affix ebenso distributionell definieren wie das (AHD). Alle untersuchten Wörterbücher führen ultra- als Präfix und -ism als Suffix. Hierfür bestehen, wie unter 1.5.3.3. noch zu sehen sein wird, auch triftige Gründe. Nach der bestehenden Definition des Affixes dürfte dann aber eine Verbindung wie ultraism auch nicht existieren. Man sollte sich also eher fragen, ob vielleicht mit der gängigen Definition des Affixes etwas nicht stimmt. Die Verbindung ultraism ist übrigens laut OED 1821 erstmals schriftlich belegt, bestand also schon, als der Begriff der Combining form erst aufkam.

Schon das N.E.D. (New English Dictionary, Vorläufer des OED), das den Begriff "Combining form" 1848 erstmals in bezug auf die Form aero- verwandte, hätte sich also eigentlich nicht von solch distributionellen Überlegungen leiten lassen dürfen, wie Bauer oder Cherry sie heute noch anstellen. Vielleicht tat und tut man dies aber dennoch, weil man die Verbindung ultraism als einen Sonderfall an- oder auch einfach übersah und -sieht: Im Englischen ist ultraism tatsächlich wohl die einzige Verbindung zweier durchgängig als solcher ausgewiesener Affixe.

0.3.3. Vergleich mit Wörterbüchern anderer Sprachen

Neoklassische Combining forms sind Internationalismen. Ihre Distribution in anderen Sprachen unterscheidet sich dort kaum von jener im Englischen: Als gebundene Elemente sind sie in der Lage, Verbindungen mit anderen gebundenen Elementen einzugehen. Sowohl im Englischen als auch in anderen Sprachen kommen Wörterbücher dennoch ohne einen eigenen Begriff wie den der Combining form aus:

0.3.3.1.Deutsch

Für das Deutsche wird neoklassischen Elementen bisher in keinem einzigen Wörterbuch eine eigene Klasse zugewiesen. Zwar werden Elemente wie -logie, macro- und Sino- teilweise aufgeführt, nicht aber klassifiziert; weder als Affixe noch als so etwas wie Combining forms: So liest man etwa im Brockhaus Wahrig, Deutsches Wörterbuch in sechs Bänden, 1984, z.B. unter ...skop, ...skopie nur den Zusatz "in Zusammensetzung". Dies entspricht dem Etikett "in composition", das Chambers im Falle gebundener neoklassischer Elemente immer dann verwendet, wenn es sich um primäre Formen handelt.

Das Duden-Bedeutungswörterbuch, 21985, kennt wohl den Begriff "Suffixoid", benutzt diesen aber im Unterschied zur Verwendung des Begriffs "Combining form" in englisch-sprachigen Wörterbüchern nur in bezug auf heimische Formen. (vgl. 3.2.)

0.3.3.2. Spanisch

Für das Spanische spricht das Diccionario enciclopédico Espasa, 1982, ausschließlich von "prefijo" und "sufijo", was - wie gesehen - der Praxis des (AHD) entspricht. (vgl. 0.2.2.1.)

0.3.3.3. Französisch

Für das Französische spricht Le Robert, Dictionnaire de la langue franšaise 1987 bei initialen Formen mal von "élément tiré du grec" (bio-) und von "élément du latin" (multi-), mal von "élément invariable" (auto-), mal von "élément de composition" (mega-) und bei terminalen Formen bald von "élément du grec" (-logie, -logique, -logue), bald von "second élément" (-scope, -scopie) oder gar von "suffixe tiré du grec" (-phile, -philie). Besonders was die terminalen Formen angeht, entspricht diese Unsicherheit in der Klassifizierung jener des OED (vgl. 0.2.1.3.)

Einzig der noch unfertige Trésor de la langue franšaise, 1971-1988, gebraucht in vorgenannten Fällen initialer wie terminaler Formen konsequent einen Begriff, der wohl dem der Combining form im Englischen entspricht: "élément formant".

Welche Beweggründe Lexikographen des Französischen haben könnten, hier abgrenzend von den Affixen einen neuen Begriff "élément ..." oder "élément formant" zu prägen, kann nicht Gegenstand dieser Arbeit sein. Es mögen dies etymologische, formale, distributionelle oder semantische Unterschiede sein. Für das Englische jedoch können - das Beispiel ultraism zeigt dies - distributionelle Erwägungen, wie Cherry und Bauer sie anstellen, nicht den Ausschlag geben.

0.4. Vorgehensweise dieser Arbeit

Der Begriff "Combining form" hat sich im Englischen bei vielen Wörterbüchern etabliert und wird von diesen distinktiv benutzt. Die vorliegende Arbeit will herausarbeiten, welche distinktiven Merkmale die Combining forms von den Affixen und den Kompositionsgliedern unterscheiden.

Hierzu soll in Kapitel 1. zunächst eine Bestandsaufnahme der charakteristischen Merkmale nur der neoklassischen Combining forms gemacht werden, da diese die überwältigende Mehrzahl der Combining forms bilden und historisch gesehen auch die ersten Wortbildungselemente waren, die als Combining forms bezeichnet wurden. Aus dem ermittelten Merkmalsbestand der neoklassischen Combining forms soll dann eine neue Definition gezogen werden.

In Kapitel 2. soll überprüft werden, inwieweit auch nicht-neoklassische Formen dieser Definition entsprechen. Dabei sollen zunächst nur solche nicht-neoklassischen Formen berücksichtigt werden, die übereinstimmend in mindestens zwei der näher untersuchten Wörterbücher als Combining form geführt werden.

Kapitel 3. untersucht, ob der auf der Grundlage der klassifikatorischen Praxis mehrerer Wörterbücher neu definierte Begriff der Combining form andere sprachwissenschaftlich diskutierte Begriffe von Wortbildungselementen abdeckt und diese evtl. ersetzen kann.

Kapitel 4. und 5. behandeln Widersprüche: Es wird diskutiert werden, welche Formen nach der erarbeiteten Definition eigentlich auch als Combining forms klassifiziert werden müßten, und welche Formen nach dieser Definition eigentlich nicht zu den Combining forms gerechnet werden dürften. Hierbei sollen dann auch nur vereinzelt als Combining forms verzeichnete Formen beachtet werden, - anders als in den Kapiteln 1. und 2., die allgemeine Charakteristika der Combining forms herausarbeiten sollen und sich deshalb nicht auf einzelne Wörterbücher beschränken dürfen.

Der Aufbau dieser Arbeit gibt in etwa auch deren Genese wieder. Da die linguistische Literatur das Thema "Combining forms" bisher kaum gewürdigt hat, waren zunächst umfangreiche Erhebungen über die Verwendung des Begriffs in den Wörterbüchern nötig. Wie wichtig dabei neben dem Begriff der Combining form auch jener des Affixes werden sollte, stellte sich erst im Laufe dieser Recherchen heraus. Die Literatur zu den Themen "Affix" und "Wurzel" konnte daher nicht systematisch berücksichtigt werden. Auch Untersuchungen zu funktionalen und autonomen sprachlichen Einheiten sowie insbesondere Über den Grenzbereich zwischen diesen (Pro-Formen, Numeralia usw.) hätten in diesem Zusammenhang unter Umständen mehr Beachtung verdient, als das im Rahmen dieser Arbeit möglich war.

Zum Kapitel 1.

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